Markus Schmermund, Vice President Automation & Intralogistics Solutions bei Linde Material Handling
Automation: Wenn im Bestand, dann mit Verstand

Interview mit Markus Schmermund, Vice President Automation & Intralogistics Solutions

Automation in Bestandssystemen? Laut Markus Schmermund, Vice President Automation & Intralogistics Solutions bei Linde Material Handling, stehen die Zeichen hier für immer mehr Logistikanwendungen auf Grün. Im Interview erläutert der Linde-Experte, auf welche Schlüsselfaktoren es ankommt – und gibt spannende Einblicke in den aktuellen Entwicklungsstand.

Herr Schmermund, wenn wir von Automation sprechen, dann sind „Greenfield“-Lösungen, also Planungen von Warenflussprozessen für eine neue, frei gestaltbare Lagerumgebung, wohl der Traum eines jeden Anwendungsingenieurs. Doch natürlich ist die Realität eine andere…

Markus Schmermund: Keine Frage – in den letzten Jahren haben wir bei Linde Material Handling in EMEA in rund 200 Automationsprojekten etwa 1.000 automatisierte Flurförderzeuge in Betrieb genommen. Etwa 65 Prozent davon sind klassische Transportapplikationen – und wiederum 70 Prozent von diesen wurden in bestehende Lager- und Prozessumgebungen implementiert. Solche sogenannten Brownfield-Lösungen überwiegen also deutlich. Entsprechend konnten wir auf diesem Gebiet einen breiten Erfahrungsschatz und ein hohes Kompetenzlevel aufbauen.

Wo liegen die spezifischen Herausforderungen bei Brownfield-Lösungen?

MS: Bei einem Großteil der heute bestehenden Industrieanlagen oder Lagerkomplexe hatte man zu Zeiten der Errichtung beziehungsweise der Logistikplanung das Thema Automatisierung schlicht noch nicht auf dem Zettel. Sprich: Alle Strukturen sind hier auf den manuellen Betrieb ausgelegt. Das beginnt bei Themen wie Böden und Wegbreiten, setzt sich beim oft vorherrschenden Mischverkehr fort und erstreckt sich bis hin zur IT-Infrastruktur. Alles in allem haben wir es hier also mit einer ziemlich begrenzten Flexibilität zu tun – woraus sich für uns unterschiedlichste Herausforderungen ableiten.

Die Vorstellung von Plug-and-play-Lösungen ist bei Brownfield-Umgebungen also eher im Reich des Wunschdenkens anzusiedeln?

MS: Jein. An dieser Stelle muss ich ein bisschen ausholen: Grundsätzlich lässt sich ein manueller Warenflussprozess nicht einfach eins zu eins durch einen automatisierten ersetzen. Entscheidend ist vielmehr der Blick auf das große Ganze – also auch auf vor- und nachgelagerte Abläufe. Die Kernfrage auf Kundenseite sollte demnach weniger lauten: ‚Kann ich dieses oder jenes automatisieren?‘, sondern ‚Wie sollte ein optimaler Warenflussprozess gestaltet sein?‘ Hinzu kommt, dass nicht alles, was technisch machbar ist, auch wirtschaftlich Sinn ergibt. Für uns als Automationsexperten zählt in erster Linie, ob sich das Vorhaben für das betreffende Unternehmen rechnet, weshalb wir bei allen Projekten stets Rentabilitätskalkulationen anbieten. Soll dann tatsächlich automatisiert werden, können wir Kunden auf Basis unserer langjährigen Erfahrung verschiedene schnell umsetzbare Lösungsmodule anbieten. Beispiel: Wenn Sie einen Warentransport von einem festgelegten Aufnahmeplatz an einen festgelegten Abgabepunkt über die stets gleiche Wegstrecke realisieren wollen, können unsere Inbetriebnehmer das in der Regel binnen weniger Wochen umsetzen.

Neben dem erwähnten Prozessverständnis – welche weiteren Schlüsselfaktoren gibt es auf Kundenseite für eine gelungene Automation?

MS: Ganz wesentlich ist aus meiner Erfahrung zunächst die Erstellung eines detaillierten Lastenhefts, das wiederum als Grundlage für das Pflichtenheft dient. Darüber hinaus braucht es ein Projektmanagement mit Sachverstand und Weitblick, das in Abstimmung mit uns einen realistischen Umsetzungsplan inklusive Regelterminen auf die Beine stellt. Dabei müssen zwingend alle relevanten Unternehmensbereiche sorgfältig eingebunden werden: Sektoren wie Arbeitssicherheit, IT, gegebenenfalls die Produktion, aber natürlich auch die Belegschaft an sich, um mögliche Vorbehalte abzubauen und breite Akzeptanz zu erzeugen. Zu guter Letzt bedarf es einer klar vereinbarten Abnahmeprozedur mit Leistungs- und Verfügbarkeitstests sowie eines Safety-Checks.

Markus Schmermund, Vice President Automation & Intralogistics Solutions bei Linde Material Handling
Grundsätzlich lässt sich ein manueller Warenflussprozess nicht einfach eins zu eins durch einen automatisierten ersetzen.

Markus Schmermund, Vice President Automation & Intralogistics Solutions

Automation ist ja, nicht nur coronabedingt, das Thema der Stunde – und sicher auch das der nächsten Jahre. Warum sollten Kundenunternehmen hier Linde als Partner wählen?

MS: Ganz klar, weil sie bei uns das Gesamtpaket bekommen: aus Fahrzeugen, Automationstechnologie, Prozesskompetenz, Inbetriebnahme und – ganz wichtig – Service. Dank unserem flächendeckenden Händlernetzwerk können sich die Firmen darauf verlassen, dass nicht nur die manuell bedienten Flurförderzeuge, sondern auch deren automatisierte „Kollegen“ schnell und effektiv betreut werden.

Eingangs haben Sie angemerkt, dass die Mehrzahl der in den letzten Jahren umgesetzten Automationsprojekte im Bereich klassischer Transportapplikationen verortet waren. Wie sieht es denn perspektivisch mit anderen Intralogistik-Segmenten aus?

MS: Was die Reifegrade unserer unterschiedlichen Automationslösungen betrifft, können wir Schritt für Schritt mehr Haken setzen. In der Produktionsversorgung, der Lagerung und dem Versand erreicht Linde MH mit seinen Automationsapplikationen bereits sehr hohe Reifegrade, die sich auch in Brownfield-Umgebungen vergleichsweise unkompliziert implementieren lassen. Bei der Kommissionierung können Unternehmen heute zum Beispiel auf halbautomatisierte Flurförderzeuge wie unseren N20 SA zurückgreifen. Und auch hier schreitet die Entwicklung Richtung Vollautomation stetig voran. So arbeiten wir aktuell im Rahmen unserer sogenannten Innovationsprojekte 2024+ an einer vollautomatisierten, mobilen Kommissionierlösung mit eigenständiger Greiftechnik und Vision-System zur Warenerkennung. Ebenfalls in der Mache ist die Erschließung von Automation im Warenein- und -ausgang, also dort, wo bislang klassische Gegengewichtsstapler im Einsatz sind. Die Herausforderung: Wir verlassen hier häufig den Indoor-Bereich, etwa beim Übergang vom Hallentor zum Lkw, und müssen uns in diesem Zusammenhang mit Aspekten wie Witterungsverhältnissen befassen. Doch auch das wird sich technisch bald lösen lassen – und zwar in der Qualität, die die Kundenunternehmen von uns gewohnt sind und auch zurecht erwarten.

Herr Schmermund, vielen Dank für das Gespräch.